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    04.05.2012, 22:02 Uhr

    Abschied


    Am Freitag nach Ostern ist Bosse gestorben.


    Mein „Papa“ Bosse, unser aller Vorbild und Leithund, ist fort. Das es für immer ist, sagt uns Hunden nichts. Würde er jetzt zur Tür hereinkommen, würden wir nicht überrascht sein. Sein Duft wäre uns immer noch so vertraut wie eh und je. Manchmal rennt Jack an den Kofferraum und wedelt, wahrscheinlich ist da noch eine letzte Witterung. Aber er jammert nicht, wenn dann kein Bosse aussteigt, er ist eher etwas verblüfft. Und wedelt beim nächsten Mal wieder, bis die Witterung irgendwann gar nicht mehr da ist.

    Bosse war für viele Welpen der Welpenonkel – der, der ihnen zeigte, was ein souveräner Althund so drauf hat und was wirklich gutes Benehmen ist.


    Als ich hier eingezogem bin, war Bosse der, der mich ins Familienrudel aufnahm, der freundlich war und mir im Spiel den ersten Benimm beibrachte.




    Die Chefin hat ihn bei Seite genommen und gesagt: „Bossi, mein Schatz, Du musst nochmal ran. Du musst mir den kleinen Carlos erziehen und ihm alles zeigen, bevor Du Dich davon machst.“ Das war, als sie von seinem Tumor erfahren hatte und alles ziemlich schlecht aussah.
    Und Bosse? Bosse hat immer alles gemacht, worum ihn die Chefin gebeten hat – immer. Und er wurde mein Vorbild, mein ruhender Pol, mein Leitstern.






    An der Leine lief ich neben ihm, die erste Autofahrt im Kofferraum erlebte ich mit ihm, bei der Tierärztin, in der Schule oder bei der Akkupunktur, immer war Bosse an meiner Seite. Bosse, der vor gar nichts Angst hatte und immer entspannt blieb.


    Wenn Jack unser Clown ist und Ginny unsere Prinzessin, was werde ich dann sein? Werde ich der neue Ruhepol sein, der Mister Perfect? Aber einen Bosse kan ich nicht ersetzen, gottseidank weiß die Chefin das auch und macht mir keinen Druck.

    Wir haben soviel Spass miteinander gehabt, bis ganz kurz vor Schluss haben Jack und Bosse noch ihre Rennspiele durch den Garten und über den Hundeplatz gemacht – und ich durfte immer mitrennen, wenn ich genug Puste hatte.




    Im Wasser war ich natürlich voll dabei, ein Retriever lässt sich im nassen Element doch nicht von einem Schäferhund abhängen.


    Auch im Schnee waren wir uns einig, dass miteinander rennen das Größte ist. Wobei Bosse da schon angefangen hat, sich aus dem aktiven Geschehen herauszuziehen. Gerannt ist er immer noch, aber das Toben hat er ganz langsam Jack und mir überlassen. Er blieb bei der Chefin und wir Verrückten sind über die Felder gerannt, während Bosse sich mit Ginny lieber ein paar Leckerchen teilte.

    Als es Bosse nach Ostern anfing schlecht zu gehen, sind Jack und ich ganz ruhig gewesen. Wir haben den ganzen Tag nur geschlafen und uns in seiner Nähe aufgehalten. Jack hat ihm ab und zu das Gesicht abgeleckt, was Bosse wie immer mit leicht genervtem Ausdruck quittiert hat. Am zweiten Tag haben wir uns dann langsam zurückgezogen, die Menschen haben seinen letzten Weg begleitet. Das war Bosse auch am liebsten so, dass seine Menschen um ihn waren. Auch wenn es ihm schlecht ging, er wollte nicht allein sein und es ist auch die ganze Zeit jemand da gewesen.






    Wir, der Rest des Familienrudels, sind jetzt näher zusammen gerückt. Die Chefin braucht uns und so geben wir uns alle Mühe sie zum Lachen zu bringen oder sie zu trösten.
    Ob wir uns erinnern? Das wisst ihr Menschen nicht und werdet es nicht erfahren – aber dass wir versuchen leere Räume zu füllen und sehr wohl spüren, wo der Schmerz des Verlustes durch unsere Gegenwart gelindert wird, das merkt ihr doch und das ist gut so.

    Ihr Lieben, lebt so wie wir im letzten Jahr gelebt haben – carpe diem – denn die Zeit ist endlich und jeder Moment kostbar,
    Euer Carlito