Man darf sich seines Lebens nie sicher sein! „Wir machen einen schönen Ausflug“, hat die Chefin gesagt. Dabei war gar nicht Sonntag, dass hätte mich misstrauisch machen sollen. „Wir gehen in den Tierpark“, hat sie gesagt, und ich Naivling habe gedacht, das hört sich nach vielen Leckerchen und netten Kontakten an.

Mit Freund Yasha aus Berlin sind wir nach Warder in den Haustierpark gefahren und zunächst sah auch alles nach einem gelungenen Leckerchen-und-Kontakte-Trip aus.

Die Schafe mit spitzen Hörnern hießen Ziegen und waren genauso leckerchenfixiert wie ich – wir haben uns gleich gut verstanden.
Wir spazierten durch den Park und sahen Gänse, Schafe und Kühe – alles war fast wie zu Hause, aber schon nahte das erste Abenteuer:
Wir betraten eine Beobachtungshütte, von der aus man in der Ferne Rinder sehen konnte.


Die Chefin hievte mich auf eine Bank, damit ich auch was sehen konnte. Meine Güte Kühe! „Ist doch nix besonderes“, dachte ich. Da sagt die Chefin: „Das sind Englische Parkrinder, die sehen genauso aus wie Du, Carlos, weiß mit großer schwarzer Nase!“

Also bitte, ich bin doch keine Kuh, ich bin ja an Beleidigungen einiges gewohnt, aber das trifft mich dann doch!
Jack sollte dann die Pfoten auf die Brüstung setzen, um auch was von den angeblichen Carlos-Rindern zu sehen – und was macht der Hirsch? Statt „Hoch“ versteht er „Hopp“ und versucht über die Brüstung ins Gehege zu springen. Die Chefin riss ihn gerade noch zurück, wobei sie beide mit den Köpfen zusammen knallten, was die Stimmung kurzfristig extrem verschlechterte.
Wir haben die Rinder dann lieber durch den Zaun beobachtet.


Auf einmal wieherte es aus einem kleinen Kasten über mir, dabei stand das dazu gehörende Pferd hunderte von Metern von uns entfernt. Ich glaube, spätestens da habe ich gemerkt, dass dieser Ausflug eher gruselig wird.
Als nächstes begegneten wir Unmengen von merkwürdigen überaus interessant riechenden schnaufenden Tieren.

Yasha wollte sich gleich mit ihnen anlegen, weil sie ihr Futter direkt an den Zaun gerüsselt hatten und ihm trotzdem nichts davon abgeben wollten. Jack hätte sie am liebsten wohl zur Räson gebracht, weil sie wild quiekend umher rannten und sich nicht in Reih und Glied aufstellen wollten. Ich hielt mich erstmal bedeckt.



Aber irgendwie hörte es gar nicht mehr auf – wir trafen immer mehr Schweine: „Bunte Bentheimer Schweine“, „Angler Sattelschweine“ und „Orange Mangalitza Wollschweine“ – so eine Schweinerei! Alle waren vom Frühling wie besessen, d.h. sie machten Liebe, kuschelten und umrüsselten sich und immer wieder schrien und quiekend sie ganz fürchterlich.


Da mir die ganze Sache etwas unheimlich wurde, habe ich mich erstmal bewaffnet, mit einem Stock fühlte ich mich gleich viel sicherer!

Eins – wahrscheinlich ein „Allein-Schwein“ - war ziemlich zickig drauf. Aus Frust, weil niemand mit ihm rüsseln und kuscheln und Liebe machen wollte, machte es sich an Yasha heran. O.k., mit viel Phantasie geht er von hinten als „Schwarzes Mangalitza Wollschwein“ durch und so dachte auch das Schwein. Es kam ganz nah an den Zaun heran und wollte Yasha gerade anrüsseln, als dieser ihm seinen doch markanten Hundekopf zuwendete. Das Schwein stieß einen Entsetzensschrei aus und sprang einen Meter zurück – wir alle übrigens auch, man weiß ja nicht, wie gefährlich so ein liebesenttäuschtes Schwein auf einmal wird!
Eigentlich hätte mich danach nichts mehr schocken dürfen, aber dann kam es das unaussprechlich Schreckliche!

Wir kamen an einen Platz mit Lehmhütten. Das war eigentlich schon schlimm genug, denn die Chefin musste natürlich reinlatschen, obwohl es darin stockdunkel war und sehr merkwürdig roch. Für Wurst tappte der Retriever natürlich tapfer mit, aber dann sah ich es: eine aufgespannte Tierhaut – da war alles aus!
Das war bestimmt ein Retriever, der hier sein Leben lassen musste, einer, den vielleicht auch jemand für ein englisches Parkrind gehalten hatte, oder einer, der die Schweine zu sehr mit seinem Stock geärgert hatte!!
Nix mehr, Feierabend, keine Wurst, keine Leckerchen, ab nach Hause!
Carlito Colombo ist ein verwegener Entdecker, aber kein Selbstmörder!
Jack fand die Tierhaut am Anfang auch ein bißchen unheimlich, fand sie aber bald langweilig, Yasha, der Unerschütterliche hätte am liebsten daran rumgeknabbert – aber die hatte ja auch keiner mit einem Rind verglichen. Gottseidank hatte die Chefin ein Einsehen und wir verließen diesen Ort des Grauens.
Die restlichen Ziegen, Schafe und Enten ließen mich ziemlich kalt – nur die Leckerchen schmeckten auf einmal wieder, aber ich sage Euch, beim nächsten Ausflug frage ich vorher ganz genau nach, wohin die Reise geht,
viele Grüße, Euer sich jetzt wieder sicher fühlender Carlito
