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    27.02.2015, 19:53 Uhr

    Nur ein Schaf


    Kurz nach Ende des Frostes ist die alte Bäumel gestorben – die Stammmutter unserer kleinen Schafherde. 17 Jahre lang hat sie hier auf dem Hof gelebt, und da sie ein Jahr alt war, als sie hierher kam, ist sie unglaubliche 18 Jahre alt geworden.


    In dieser Zeit hat sie 17 gesunde Lämmer geboren und diese immer mit der größten Souveränität groß gezogen. Nach dem Motto „Schreien stärkt die Lungen“ waren Bäumels Kinder immer die, die verlassen über die Koppel blökten, doch gleichzeitig auch immer die größten und kräftigsten.
    Interessanterweise hat sie mit 14 Jahren das letzte Lamm aufgezogen, danach noch eine Totgeburt gehabt, um anschließend ihre letzten „Rentenjahre“ kinderfrei zu genießen. Die Natur hat zugelassen, dass sie über die fruchtbaren Jahre hinaus lebt – bei allen Tieren, den Menschen ausgenommen, ein kleines Wunder!


    Trotzdem blieb Bäumel wichtig für die Herde – selbst in ihren letzten Tagen lagerten sich die ganz kleinen Lämmer um sie, wie eine Uroma, die ihre Weisheiten an die Urenkel weitergibt, während die Mütter ihrem Tagwerk nachgehen.


    Von wegen die Herde zieht weiter und die Alten und Schwachen werden zurückgelassen. So ein Stuss! Wir Tiere sind so viel sozialer, als der Mensch uns zugesteht. Einen Tag hat die schwarze Beatle, die zuletzt geborene Tochter von Bäumel, gerufen, bis sie den Tod ihrer Mutter akzeptierte. Ob wir Tiere wie Menschen trauern? Sicher nicht, dafür leben wir zu sehr in der Gegenwart. Beatle muss sich jetzt um ihr eigenes kleines Lamm kümmern – aber im Moment des Abschieds hat sie den Tod erkannt und ihre Mutter – mit der sie vier Jahre ihres Lebens jeden einzelnen Tag verbracht hat – vermisst.




    In guten Zeiten war Bäumel selbstverständlich das Leitschaf – „im Guten wie im Bösen“: Im Guten insofern, als der Ruf „Hallo Bäumel, hallo Schafe“, sie, egal von welcher Ecke der Koppel, im gestreckten Galopp zum Unterstand galoppieren ließ – um ihr heißgeliebtes Knäckebrot oder Körner zu vespern. Der Rest der Herde folgte selbstredend und es war nie ein Problem die Schafe einzufangen. Das Bäumelchen war so zahm, dass es auch die eher scheuen Schafe immer mit in den Korral führte, wenn es ans Scheren, Klauen schneiden oä. ging.
    Aber Bäumel hatte auch nervende Seiten – sie fand jede Lücke im Zaun und verführte die Herde in den ersten Jahren immer wieder zu ungewollten Ausflügen – zum Teil mitten ins Dorf. Auch muss ein Ziegen-Gen in ihr aktiv gewesen sein, denn kein Busch, kein Strauch war vor ihr sicher, wie ein Biber schälte sie raketenschnell die Rinde ab. Die Chefin wird nie vergessen, wie sie der miesepetrigen Nachbarin wortreich erklärte, dass wohl Rehe in ihren Garten eingefallen sein müssten, denn „Nein, unsere Schafe können nicht weglaufen ...“.


    Bäumel überlebte mehrere Böcke, die die Herde begatteten und auch bewachten, aber nie anführten – das machen bei Schafen die Mädels! Als völlig emanzipiertes Schaf gab sie in ihrem Universum den Ton an, bestimmte den Alltags-Rhythmus der Herde und war immer in der ersten Reihe, wenn wir Hunde oder die Menschen ihre Koppel betraten.
    Gleich an meinem allerersten Tag auf dem Hof lernte ich Bäumel kennen. Sie war sozusagen mein erstes Schaf.


    Bäumel pflegte mit uns Hunden eine Beziehung auf Augenhöhe: Ging es um Futter, war sie ganz klar der Meinung, dass wir Hunde uns ganz hinten anzustellen hätten und hatte auch kein Problem damit, dies mit einem kräftigen Kopfstoß kund zu tun.
    Wenn Jack sich als Hütehund betätigte, eierte sie gemütlich und leicht angenervt mit der Herde zusammen in die gewünschte Richtung, ohne aber je den Eindruck zu vermitteln, dass sie jetzt besondere Furcht vor dem hütenden Wolf hätte.




    Richtig ernst hat sie uns, glaube ich, nicht genommen!

    Menschen waren für Bäumel, die im Tierpark Warder als Flaschenaufzucht ihr erstes Lebensjahr verbracht hatte, ganz klar reine Futter-Lieferanten. Sie genoss es zwar auch gekrault zu werden, aber eigentlich wartete sie immer auf Essen.




    Im letzten Jahr sind ihre Zähne so stumpf geworden, dass die Chefin ihr das Knäckebrot in kleine Stücke brechen musste, damit sie es überhaupt noch schlucken konnte.
    Aber hat das Bäumel gekümmert? Hat sie gejammmert? Nein, voller Emsigkeit hat sie ihr Brot gemümmelt und es einfach ein bißchen langsamer angehen lassen. Statt vor der Herde, zockelte sie 20 Meter hinterher – niemals aufgebend und immer ihr Ziel erreichend!
    Das ist wirklich zäh!

    Liebe Bäumel – wie sieht wohl der Himmel der Schafe aus? Wahrscheinlich nicht viel anders als unsere Koppel, auf der Du lange, lange gelebt hast – immer zufrieden und voller Optimismus auf ein Stück Möhre oder ein Zwieback hoffend – Bäumel, du lebst in Deiner Tochter, deinen Enkelinnen und Urenkelinnen weiter – an Deinem Grab werden sie lagern. Die Chefs wollen dort mehrere große Feldsteine aufgestellen - zum Klettern für die Lämmer und als Schatten für die Erwachsenen – das hätte Dir bestimmt gefallen,
    Lebwohl, Dein Carlito